Migrant Workers: Da läuten Alarmglocken

Migrant Workers

Während des letzten Malaysia Fairstainability-Aufenthalts wurde ich eines Donnerstags morgens auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Frage, was Fairness für Migrant Workers bedeutet, hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Deshalb fing ich an, diesen emotionalen Bericht zu schreiben. Vermutlich wollte ich mir das auch einfach mal von der Seele schreiben.

Morgens auf dem Weg zur Kondomfabrik fuhren wir an einer Kautschukplantage vorbei. Sie wäre perfekt zum Kaufen: super Lage und junge und gesunde Bäume, noch kaum getappt. Leider war alles verschlossen. Wir sind daher einfach über den Zaun geklettert. Dort wollten wir mit jemandem reden und wissen, wem die Plantage gehört. Wir haben einem Arbeiter zugerufen. Leider hat er Lindas „Apa kabar“ nicht verstanden. Er sprach also kein Malaiisch. Er sagte nur: „Myanmar, Myanmar“.Kautschukplantage

Wir sind also weiter rein in die Plantage. Nach ein paar weiteren Anläufen, fanden wir endlich einen Arbeiter, der mit Linda sprechen konnte. Wir waren mittlerweile an den Häusern angekommen, in denen die Menschen offensichtlich auch leben. Dort konnten wir in die Zimmer gucken. Sie schlafen auf dem blanken Boden. Sehr ärmliche Bedingungen. Wir erfuhren, dass auf der Plantage nur Migrant Workers arbeiten. Die meisten aus Myanmar und auch welche aus Bangladesch.

Migrant Workers: da läuten bei mir die Alarmglocken.

Migrant Workers, meist die ärmsten der Armen. Sie verlassen ihr bitterarmes Land, in dem es kaum Jobs gibt (manchmal auch mit falschen Versprechungen gelockt), weil sie im Ausland immer noch mehr verdienen können als zu Hause. Einen Teil ihres Einkommens können sie nach Hause schicken und ihre Familie versorgen.

Sie stellen weltweit die schwächste Arbeitergruppe dar (neben Kindern). Migrant Workers genießen meist wenig Rechte oder sie können „besser“ ausgenutzt werden, weil sie eben so abhängig sind von der Arbeit.  Dabei haben sie meistens die schlechtesten/gefährlichsten Jobs.

Sie haben kaum eine andere Wahl, wenn sie erst mal im Ausland sind. Ein Ticket zurück muss auch erst mal verdient werden. Wenn sie sich beschweren, stehen gleich zehn andere Schlange, die ihren Job übernehmen wollen. Viele sind sogar deshalb froh darüber, weil sie zu den „glücklichen“ gehören, die einen Job haben.

Bei manchen Migrant Workers ist allerdings die Grenze zu moderner Sklaverei fließend. Weltweit gibt es laut ILO schätzungsweise 21 Millionen Menschen weltweit, die in moderner Sklaverei leben. Darunter 5,5 Millionen Kinder. Sklaverei und das im Jahr 2017!

Migrant Workers in Malaysia

Im Jahr 2015 sind alleine in Malaysia 9 Nepalesen pro Woche (!) bei der Arbeit ums Leben gekommen. Und Nepalesen stellen nicht mal die größte Gruppe der Migrant Workers hier dar. Die meisten kommen aus Bangladesch, Kambodscha, Indonesien, Vietnam, Nepal und Myanmar. Insgesamt sollen ca. 6 Mio. Migrant Workers in Malaysia arbeiten.

Malaysias Wirtschaft geht es gut. Hier gibt es quasi mehr Jobs als Leute, die arbeiten. Viele Jobs werden daher von Migrant Workers besetzt. Meist eben „die untersten Jobs“: In den meisten Hotels das Putzpersonal, die Tellerwäscher in den Restaurants, die Arbeiter auf den unzähligen Baustellen oder eben in Fabriken und der Landwirtschaft so wie zum Beispiel heute auf der Kautschukplantage: Migrant Workers aus Bangladesh und Myanmar (mit die ärmsten Länder Asiens).

Migrant Workers genießen in Malaysia tatsächlich weniger Arbeitsrechte als Einheimische. Sie bekommen z.B. keine Sozialversicherung und dürfen auch nicht mehr als 1200 RM (ca. 260 €) im Monat verdienen. Viele leben hier „illegal“. Das heißt auch, wenn sie krank sind, haben sie keinen Zugang zur Krankenversorgung.

Das heißt übrigens nicht, dass alle Migrant Workers ausgenutzt werden oder unter schlechten Bedingungen arbeiten. Die Gefahr ist bloß bei dieser Gruppe besonders groß.

Arbeiten an 7 Tagen die Woche

Migrant Workers

Wir erfuhren von den Arbeitern an dem Morgen, dass sie 7 Tage die Woche arbeiten. So wie wir es verstanden haben, seit Jahren ohne Pause. Und trotz sieben Tage Arbeit mussten sie in so ärmlichen Bedingungen leben. Das verstößt natürlich gegen internationalen Arbeitsschutz. Wenn aber das (niedrige) Einkommen an die Arbeitstage/produzierte Menge gekoppelt ist, wollen Migrant workers vermutlich auch gar nicht weniger arbeiten. Weniger Arbeiten heißt oft auch weniger Geld. Sie wollen in der Zeit im Ausland das Maximum an Geld bekommen. Sie müssten(!) also so viel Geld verdienen, dass ein Tag frei attraktiver wäre, als der 7te Tag Arbeit.

Und wie ist unsere Lieferkette?

Unsere Partnerplantage ist davon meilenweit entfernt. Alle sozialversichert, mit festen Verträgen, 1 Tag/Woche frei, weniger Stunden Arbeit pro Tag als für den Mindestlohn üblich (6 Stunden statt 8 Stunden täglich) und krankenversichert. Mr. Tan behandelt die Leute wirklich gut. Auch RRT macht so viel für die Leute. Das kann man alles gar nicht aufzählen. Das ist wirklich schön zu sehen, weil sie hier schließlich auch leicht „Kosten sparen könnten“.

Ob es nicht trotzdem solche Plantagen wie die oben in unserer Lieferkette gibt, können wir nicht zu 100% ausschließen. Laut Lee Latex bekommt er den Latex immer von den gleichen Plantagen. Wir glauben aber, dass das bei Engpässen auch wechselt. Was nicht heißt, dass die anderen Plantagen dann zwangsläufig schlechte/schlechtere Arbeitsbedingungen haben. Wir versuchen jetzt mehr mit Lee Latex zu bonden, um da mehr Sicherheit zu bekommen.

Und was heißt das jetzt?

Das nimmt einen natürlich mit. Obwohl die Arbeiter heute nicht unglücklich/traurig schienen und sicher nicht die schlechtesten Arbeitsbedingungen global gesehen haben. Trotzdem will man was tun. Aber was kann man tun?

Klar, ist es cool, was wir alles auf Kai Sik machen und planen. Aber die wirklich großen Probleme gehen wir damit nicht an. Aber kann man das überhaupt? Ich weiß es ehrlicherweise nicht.

Es gibt nicht einen Schuldigen (ein Unternehmen, eine Regierung, eine Industrie). Es ist ein Zusammenspiel von Akteuren, die das begünstigen. Wir sind auch Teil davon und machen und mitschuldig, wenn wir z.B. eine WM in (von Bangladeshis gebauten) Stadien in Qatar gucken, unsere Ware mit Schiffen durch die Welt fahren lassen, die unter katastrophalen Bedingungen in Bangladesh auseinander gebaut werden usw. Aber kann man es verhindern?

Ich glaube wie die vielen großen Herausforderungen unserer Welt gilt auch hier: ein komplexes System fordert komplexe Antworten. Eine einfache Lösung gibt es nicht. Die Regierung müsste stärker Arbeitsrechte von Unternehmen einfordern und die Einhaltung kontrollieren. Andere Länder müssten das stärker von anderen Ländern einfordern. Die lokale Wirtschaft in den Heimatländern müsste gestützt und Jobs geschaffen werden (inkl. guter Arbeitsbedingungen). Zugang zu qualitativer Bildung ist ebenso wichtig. Internationale Aufklärungskampagnen zu Arbeitsrechten wären ein weiterer Punkt (in einer Sprache, die die Arbeiter verstehen). Damit Arbeiter wissen, welche Rechte sie haben und Stellen, an die sie sich bei Verstoß wenden können (aber machen sie das, wenn sie danach ihren Job verlieren?). Unternehmen müssten bei ihren Lieferanten nicht nur den billigsten Preis verhandeln sondern mit den Lieferanten zusammen an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen arbeiten und erst mal fragen, wer, wo, wie die Ware produziert. Um ehrliche Antworten zu bekommen muss man Vertrauen aufbauen. Und das eigentlich für jedes noch so kleine Einzelteil. Je weiter unten in der Lieferkette, desto schwieriger wird es. Am Ende natürlich auch der Kunde, der mit seinem Kauf Unternehmen unterstützt, die es anders machen/versuchen anders zu machen.

Vielleicht wird das aber auch nicht zu lösen sein, solange wir eine globale Ungerechtigkeit haben mit armen Ländern, in den Menschen wenig Perspektiven haben und Menschen schlechte Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen. Da das immer noch die „beste“ Alternativen für sie darstellt.
So jetzt bin ich fertig. Und frage mich weiter, wie man die wirklich großen Dinger angehen kann. Bei Fragen/Anmerkungen meldet euch gerne.

Ihr wollt aktiv werden? Hier findet ihr Dinge, die ihr tun könnt.

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