Seit nunmehr 10 Jahren versucht einhorn, den Drahtseilakt zwischen Wirtschaftlichkeit und sozial-ökologischer Gerechtigkeit zu meistern. Mit dem Ziel, stets die nachhaltigsten Lösungen für Produkt und Unternehmen zu finden, ja vielleicht sogar Impulse für die Wirtschaft im Allgemeinen zu setzen, entwickeln wir deshalb kontinuierlich unsere Nachhaltigkeitskonzepte weiter. Im vergangenen Jahr haben wir dabei einen neuen Meilenstein erreicht: True Cost Accounting, die Berechnung der wahren Umwelt- und Sozialkosten, die nicht durch die reguläre betriebswirtschaftliche Kalkulation erfasst wird. Warum das für uns so bedeutend ist und wie das Ganze funktioniert, wollen wir euch im Folgenden einmal näher bringen.
Neue Wege
Seitdem es einhorn gibt, gibt es auch das Reinvestversprechen. 50% aller Gewinne sollen entweder in die Verbesserung der sozialen und ökologischen Bedingungen entlang unserer Lieferketten investiert, zur Kompensation unserer CO2 Emissionen und des Plastikmülls eingesetzt oder zumindest an gemeinnützige Organisationen gespendet werden. Im Jahr 2019 wurde einhorn allerdings in ein Purpose-Unternehmen umgewandelt. Dadurch wird rechtlich bindend sichergestellt, dass das Unternehmen weder an Investor*innen verkauft, noch Gewinne an Außenstehende ausgeschüttet werden dürfen. Insbesondere durch letzteren Punkt wirkte unsere Selbstverpflichtung, 50% der Gewinne zu Fairstainability-Zwecken zu reinvestieren, nicht mehr ganz zeitgemäß, da ja fortan sämtliche Gewinne innerhalb des Unternehmens verbleiben und zur Erreichung unseres “Purposes” eingesetzt werden sollten.
Lange Zeit war jedoch unklar, wie ein transparentes und wissenschaftlich fundiertes Reinvest-Modell nach einhorn-Art aussehen könnte. Mit dem Ziel, eine neue Logik für unsere Verantwortung zu entwickeln, haben unsere Alteinhörner Birthe, Cordelia und Maik ihre Köpfe zusammengesteckt und sind zu einem gemeinsamen Entschluss gekommen: True Cost Accounting soll zukünftig die Grundlage für unsere Überlegungen bilden, wenn es darum geht, Verantwortung für sozial-ökologische Konsequenzen unseres wirtschaftlichen Handelns zu übernehmen.
Konkret ökonomisch, statt abstrakt ökologisch
Im Rahmen des True Cost Accountings versuchen wir, potenzielle, zukünftige Schäden, die durch unser Handeln entstehen können, zu erfassen. Dafür ziehen wir die Ergebnisse unserer Ökobilanzen heran und verrechnen diese mit Datenbankwerten, die aufzeigen können, wie viel bspw. die Emission einer Tonne CO2 die globale Gemeinschaft über die kommenden Jahrzehnte in Form von Klimaschäden kosten wird. Durch diese Rechnung steht am Ende keine abstrakte Zahl in Form von CO2-Äquivalenten, sondern ein konkreter Geldwert, den wir direkt in unsere Finanzplanung einbeziehen können. Daraus ergibt sich für uns nicht nur eine wirtschaftliche Zielsetzung (mindestens Profite i.d.H. der Schadenskosten zu erwirtschaften) sondern auch eine finanzielle Verpflichtung:
Jahr für Jahr wollen wir Gelder in Höhe der Schadenskosten in die Hand nehmen und in unsere Lieferkette, in systemischen Wandel und in Schadensminderung investieren.
Dabei priorisieren wir es natürlich, die negativen Auswirkungen unseres Handelns direkt dort zu verringern, wo sie entstehen. Wir setzen beispielsweise weiterhin auf umweltfreundliche Anbauformen unserer natürlichen Rohstoffe, recycelte und recyclingfähige Verpackungen sowie alternative Kraftstoffe in der Logistik. Insbesondere unsere Kooperation mit der remei sowie die Regenerative Rubber Initiative helfen uns, die ökologischen Schäden zu begrenzen und gleichzeitig auch ein funktionierendes soziales Fundament für die Stakeholder*innen unserer Lieferketten zu bieten.
Etwas Gutes fürs System?
Leider gibt es auch Dinge, die wir als Unternehmen nicht direkt beeinflussen können. Gerade politische, infrastrukturelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen können Einschränkungen für unser Fairstainabilitypotenzial bedeuten. Aber es gibt Organisationen, die sich auf einer systemischen Ebene dafür einsetzen, dass sich diese Rahmenbedingungen ändern. Diese wollen wir zukünftig in einer systemischen Kompensation unterstützen. Statt weiterhin einen Marktpreis für 1 Tonne CO2 Äquivalente zu bezahlen, investieren wir in Aktivist*innen und Organisationen, die sich beispielsweise für Klimagerechtigkeit oder demokratischen Wandel einsetzen.
Warum das so wichtig ist und wie das gut funktionieren kann, haben wir noch einmal den Kopf gefragt, der hinter alledem steckt. Maik war lange Teil des Fairstainability Teams bei einhorn und hat sich nun mit ourShare selbständig gemacht, um das Konzept in die Welt zu tragen.
einhorn: Warum sollten sich Unternehmen mit systemischer Kompensation befassen?
Maik: In meiner Zeit bei einhorn haben wir Kompensation immer als letztes Mittel der Verantwortungsübernahme gesehen - und uns dabei aber nie wirklich gut gefühlt. Diese Spannung teilen meiner Erfahrung nach viele Menschen, die Nachhaltigkeit in Unternehmen voran bringen.
Wenn wir an die klassische CO2-Kompensation denken, dann wird schnell klar, dass das Prinzip in vielen Projekten zu kurz greift: CO2 wird zwar bestenfalls gebunden oder vermieden (by the way: 84% der CO2-Zertifikate sind laut Max-Planck-Studie unwirksam! (Quelle)) - aber an den gesellschaftlichen Spielregeln, die uns in die Klimakrise geführt haben bzw. uns auch heute noch daran hindern, proaktiv mit ihr umzugehen, wird mit einer klassischen Kompensation nicht gerüttelt. Zudem sind bereits heute - hier in Deutschland und weltweit - die Folgen des Klimawandels sichtbar. Bei einem Blick in die Prognosen wird einem schwindelig.
Tragen wir als Unternehmen nicht auch für diese Punkte eine Verantwortung? Können - und sollten - wir nicht mehr beitragen, als unseren eigenen Fußabdruck auszugleichen?
einhorn: Macht das überhaupt schon jemand?
Maik: Mit “ourShare” versuche ich genau diese Problematik aufzugreifen. Der Ansatz gründet auf der Frage “Wie können wir als Unternehmen zu einer nachhaltigen Transformation beitragen, solange wir systemisch auf Kosten anderer wirtschaften?”.
Die Antwort? Der gesellschaftliche Schaden, den wir mit CO2 und Klimawandel auf andere abwälzen (“externalisieren”), wird eingepreist. Dieses Geld dient als Budget, um daran zu arbeiten, es besser zu machen. Zunächst im eigenen Unternehmen und schließlich auch, um Projekte, Initiativen und NGOs zu unterstützen, die systemisch an der Lösung der Krise arbeiten.
Der Ansatz ist u.a. inspiriert vom “contribution claim”, den bspw. der WWF und das Wuppertal-Institut proklamieren und auch die GIZ derzeit testet. Der Grundgedanke: Weg vom klimaneutral-Versprechen und der Logik, dass die Verantwortung für eine Tonne CO2 nur durch den Ausgleich mithilfe einer vermiedenen oder gebundenen Tonne CO2 wieder gut gemacht werden kann.
einhorn: Warum machen das nicht alle?
Maik: Zunächst ist der klassische Ansatz schlicht bekannter. Um “klimaneutral” zu werden, ist die CO2-Kompensation ein etablierter Ansatz - mit Tücken, wie wir oben gesehen haben.
Aber abseits davon: Klimaschäden einpreisen ist teuer! Das Umweltbundesamt schätzt die Kosten auf 300–800 € pro Tonne CO₂. Würden wir das heute konsequent auf alle Branchen anwenden, würden viele Geschäftsmodelle sofort kippen. Kein Wunder also, dass das politisch schwer durchsetzbar ist – und kaum jemand freiwillig damit anfängt. Doch klar ist: Diese Kosten werden kommen. Wer jetzt schon investiert und seinen Fußabdruck senkt, ist künftig im Vorteil.
Der Einstieg muss dabei nicht perfekt sein – wichtig ist, überhaupt anzufangen. So haben wir es auch im Projekt mit einhorn gemacht: 100 €/Tonne CO₂ als Startpunkt – mit dem Ziel, den Preis schrittweise zu erhöhen und gleichzeitig den Fußabdruck zu verringern.
Weil Nachhaltigkeit heute oft noch zusätzliche Kosten bedeutet, wollen wir mit ourShare einen Schritt weitergehen: Ein solidarisches Netzwerk aus Unternehmen aufbauen, die sich gegenseitig stützen. Wenn ein Unternehmen sich z. B. in einem schwierigen Jahr den vollen Beitrag nicht leisten kann, springt die Gemeinschaft ein.
TCA Reinvest 2024
Dann legen wir mal los. Im vergangenen Jahr waren einhorn-Produkte insgesamt für die Emission von 359,43 Tonnen CO2 verantwortlich. Deshalb wollen wir für das vergangene Jahr 35.943€ in die Hand nehmen und in systemischen Wandel investieren. Dafür haben wir gemeinsam mit ourShare sechs Organisationen ausgewählt, denen wir jeweils ca. 5.000€ gespendet haben. Das sind:
The Generation Forest
Baumentscheid
Regenerative Business Hub
ForTomorrow
Correctiv
ClientEarth
Wir sind schon sehr gespannt, wie sich das Projekt entwickelt! In den kommenden Jahren, wollen wir die Summe unserer externen Kosten als Nachhaltigkeitsbudget für Klimathemen nutzen, den Preis schrittweise erhöhen und weitere Nachhaltigkeitsdimensionen mit einbeziehen - insbesondere die soziale Komponente. Aber jetzt freuen wir uns erst einmal darauf zu sehen, wie die ausgewählten Organisationen die Gelder einsetzen.