Bisexuelles Dating – wie ich mich durch den Klischeedschungel kämpfte und was mich meine doppelgeschlechtlichen Erfahrungen gelehrt haben (Gastbeitrag von Nadine Primo)

Porträtfoto der Autorin Nadine Primo

Ein Gastbeitrag von Nadine Primo 

Was mir über die Jahre aufgefallen ist, als ich Männer und Frauen datete? Einiges. Spoiler: Es gibt sie, die Geschlechterklischees, die auch in der Realität (noch) Bestand haben. Was ich gern vorher gewusst hätte, bevor ich mit dem gleichgeschechtlichen Dating anfing? Einiges! Denn zugegeben, es gab in manchen Momenten den ein oder anderen Stolperstein, der mich verunsichert zurückließ oder mir das Daten – gerade von Frauen – erschwerte. 

 

Eine Sache vorweg

Vorneweg: Ich spreche hier von rein subjektiven Dating-Erfahrungen. Bisher habe ich ausschließlich Männer und Frauen gedatet, die sich als cis-Menschen identifiziert haben – und ebenso mit dem ein oder anderen Geschlechterklischee. Daher verwende ich in diesem Beitrag die Begriffe Mann und Frau. Natürlich könnte ich auch von männlich und weiblich gelesenen Personen sowie Penis- und Vulva-Träger:innen sprechen, aber dann würde ich die Realität verzerren – oder in dem Fall besser gesagt: meine Realität. Ich hatte bisher nicht das Vergnügen non-binäre oder Transmenschen zu daten. Was nicht ist, kann ja noch werden. Ich hoffe doch (sehr)!

Dass ich bisexuell bin, weiß ich schon recht lange.

Dass ich Männer und Frauen gleichermaßen date, ist erst seit acht Jahren der Fall. Zuvor hatte ich hauptsächlich die Herren der Schöpfung getroffen und mich in typischen Geschlechterklischees und -dynamiken wiedergefunden. Was ich damit genau meine? Ganz einfach: Lange Zeit war es für mich selbstverständlich, dass er den ersten Schritt machte; die erste Nachricht schrieb; das erste Treffen vorschlug und den ersten Kuss initiierte. Ich signalisierte durch Körpersprache meine Zustimmung und ließ mich verführen. Natürlich gab es auch Ausnahmen, in denen ich die Zügel in die Hand nahm und mir nahm, was ich in dem Moment wollte, aber meistens lief es eben klischeebedingt und stereotypen gerecht ab.

Schließlich hatte auch ich in meinen jungen Jahren den ein oder anderen Porno auf Gratisbörsen wie Pornhub und Co. geschaut. Das Bild, welches ich dort vermittelt bekam, war eindeutig. Der Mann nimmt sich was er will, die Frau fügt sich. Hinzukommend hatte ich in meiner Vergangenheit, in der Kleinstadt und auch danach noch in Bonn, nur wenig bisexuelle oder allgemein queere Vorbilder gehabt und es herrschte wenig sichtbare Diversität. Woher sollte ich also meine Erfahrung nehmen? Aus Serien und/oder Filmen? Schwierig, denn auch hier dominiert höchstens eins: der weiße cis-Mann – heteronormatives Wertekonstrukt inklusive. 

Die ersten bisexuellen Dates

Meine ersten Dates mit dem weiblichen Geschlecht verliefen daher weniger vorhersehbar und dafür empfand ich mich als weitaus unsicherer. Nicht nur das, denn wenn ich ehrlich bin, wusste ich anfangs gar nicht so recht, wie ich mich verhalten sollte. Mittlerweile ist mir klar, dass es vielen Frauen so geht, die das erste Mal eine gleichgeschlechtliche Dating-Erfahrung erleben (wollen). Zumindest höre ich die gleichen Ängste und Unsicherheiten in meinem Freundinnen- und Bekanntenkreis, ebenso berichten mir einige Stimmen aus meiner Community von ihrer Ratlosigkeit, wenn es um Dates mit dem weiblichen Geschlecht geht. 

Bereits das Matchen und Anschreiben überfordert viele, so wie mich damals. Wenn mir jemand früher gesagt hätte, dass ich am besten einfach ehrlich und authentisch hätte sein sollen, dann wären mir wohl viele Zweifel erspart geblieben. Ich hatte, warum auch immer, das Gefühl mich beweisen oder als besonders erfahren darstellen zu müssen. So ein Blödsinn! Jede*r fängt mal unerfahren an. Anders wird es eben nichts mit der Erfahrung. 

Bisexuelles Dating und Casual Sex

Etwas, das mich nachhaltig fasziniert hat, nachdem ich aktiv angefangen habe, Frauen zu daten, war die Tatsache, dass ich zurück zu meiner eigenen Weiblichkeit fand und diese fortan viel mehr zelebriert habe. Ich bin gnädiger mit mir und meinem Körper geworden. Auch Dates mit Männern verliefen daraufhin anders, die Dynamik änderte sich. Ich war auf einmal nicht mehr in der Rolle der devoten Frau gefangen und sollte fortan auch mal den ersten Schritt machen und mir auch beim Sex nehmen, was ich wollte – und wann ich es wollte. 

Als Bisexuelle finde ich mich zudem öfter in der Rolle des Einhorns wieder, die erste Wahl für Dreier-Erfahrungen von heterosexuellen Pärchen. Eine Zeit lang habe ich diese Konstruktionen sehr genossen, denn sie gaben mir die Chance gleichzeitig mit zwei Geschlechtern Sex zu haben. Erfahrungen, die ich ebenfalls nicht missen will, auch wenn sie mir das ein oder andere Mal im Nachhinein emotionalen Kummer gebracht haben. Es läuft eben immer anders als Mensch denkt. Gefühle sind nur schwer, bis gar nicht, steuerbar und so musste ich meine eigene Lockerheit, was unverbindlichen Sex betrifft, überdenken. 

Einige Zeit lebte ich in einer offenen Beziehung mit einem cis-Mann, der mir immer mal wieder vor Augen hielt, wie leicht es für mich war „schnellen Sex“ zu bekommen, wohingegen er sich in einigen Momenten abkämpfen musste, um die Dame seiner Wahl zu überzeugen. Ja, es stimmt, es ist schwieriger als Mann. Erobern, überzeugen, umwerben… und am Ende kommt vielleicht doch nichts dabei rum. 

Zugegeben, es ist nicht schön, das Gefühl zu haben, sein Gegenüber von der eigenen Person überzeugen zu müssen. Das habe ich definitiv unterschätzt. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wieso ich weitaus mehr Männer getroffen habe, obwohl der Reiz eine Frau zu treffen ebenso groß war. Auch das bestätigten mir einige weiblich gelesene Personen aus meiner Community. Verwerflich ist daran nichts, zehrend ist es hingegen schon. 

Dating-Apps für bisexuelle Menschen

Natürlich sind das alles subjektive Erfahrungen und ich habe mich in erster Linie auch auf den gängigen Dating-Apps wie Tinder und Co. rumgetrieben und nicht auf Plattformen, die primär für homoerotische Erfahrungen ausgelegt sind. Das lag aber eben auch daran, dass ich mir von der ein oder anderen lesbischen Frau die typischen Klischees mit denen bisexuelle Frauen zu kämpfen haben, vorwerfen lassen musste. 

Aus Angst, dass ich bald eh wieder mit „dem Feind ins Bett gehen würde“, oder mir meiner sexuellen Orientierung „einfach nur noch nicht sicher sei“, lehnten sie ein Treffen mit mir von Vorneherein ab. Völlig okay, denn auch sie werden ihre negativen Erfahrungen gemacht haben und sich daher einfach nur schützen wollen. Niemand mag gern das Versuchskaninchen sein – verstehe ich total. 

Auf Dating Apps wie Okcupid gibt es mittlerweile die Möglichkeit mehr als drei (hetero-, homo-, bisexuell) sexuelle Orientierungen anzugeben. Zum Glück! Es ist ebenso möglich, sich erst einmal als heteroflexibel oder bi-neugierig einzustufen und somit gleich zu Beginn klarzustellen, dass man zwar gleichgeschlechtliche Fantasien, und vielleicht sogar die ein oder andere Erfahrung bereits gemacht, hat, aber noch nicht lange „im game“ ist. Mir ist zumindest aufgefallen, dass dadurch direkt ganz andere Erwartungen beim Gegenüber geweckt werden, als wenn man direkt angibt, bisexuell zu sein. 

Mit offenen Karten spielen

Kleine Anekdote dazu: Das erste Mal Sex mit einer Frau zu haben, empfand ich als wunderschön, auch wenn ich ihr die Tatsache vorenthielt, dass es für mich eben das erste Mal war. Sie war lesbisch und ich erhoffte mir einen großen Erfahrungsschatz ihrerseits, der meinen nicht vorhandenen bestimmt wett machen würde. Klingt vielleicht nicht wirklich logisch, war aber so. Dennoch würde ich es jetzt anders machen und einfach von Vorneherein die Karten auf den Tisch legen. Es hätte schließlich auch anders laufen können… und zugegeben: ich musste schon einiges an Nervosität unterdrücken, weil ich die Erwartungen an mich selbst durch meine Lüge recht hoch angesetzt hatte. Zumindest höher, als wenn ich ihr meine Unerfahrenheit einfach zu Beginn gestanden hätte. 

Pro-Tipp: Wenn wir einfach ehrlich sind, haben wir am wenigsten zu verlieren – und zu überspielen.

 

 

Das Foto ist von Julia Haack.

P.S.: Nadine Primo könnt ihr auch in unserem Video zu “How free is your Sex?” sehen, dass ihr auf dieser Seite findet.


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