Interview mit Dr. Langenberger – Zu der Kautschuk-Welt und unserem Vorhaben

Lieber Gerhard,

du bist Experte im nachhaltigen Kautschukanbau. Wie kamst du zu diesem Forschungsbereich? Was ist dein Hintergrund?

Ich habe Forstwirtschaft an der Fachhochschule in Rottenburg und Forstwissenschaften an der LMU in München studiert. Von dem starken Praxisbezug und der Realitätsnähe der Fachhochschulausbildung profitiere ich heute noch. Ich lege daher großen Wert darauf, dass Maßnahmen Praxisbezug haben und nicht nur akademisch betrachtet werden.

Über Projekte in Südostasien zur nachhaltigen Landnutzung kam ich zum Naturkautschuk als der bestimmenden Kulturpflanze der letzten 15 Jahre, die große Veränerungen in der Region hervorgerufen hat.

Kautschuk hat sehr große Gebiete im sogenannten Festland-Südostasien (Thailand, Malaysia, Laos, Kambodscha, Vietnam, Südchina) stark verändert. Flächen, die vorher für eine traditionelle, diverse Landwirtschaft genutzt wurden, sind in Kautschukmonokulturen umgewandelt worden.

Welche traditionellen Anbauformen?

Discussing research with MRB

In der Vergangenheit fand eine vergleichsweise naturnahe Nutzung der Flächen statt, sogenanntes shifting cultivation (Brandrodungsfeldbau). Waldstücke wurden gefällt und die getrocknete Biomasse am Ende der Trockenzeit, vor Einsetzen der Regenfälle, abgebrand. In die Asche, die als Dünger fungierte, wurde häufig z.B. Trockenreis zur Selbstversorgung gepflanzt.

Nach 2-3 Jahren, wenn der Unkrautwuchs zu stark wurde, überließ man die Fläche wieder sich selbst, und es entwickelte sich ein Sekundärwald. Nach ca. 15 Jahren wurde dieser neue Wald wieder abgehackt, und der Prozess ging von vorne los. Diese Form der Subsistenz-Landwirtschaft (Selbstversorgung) war relativ naturnah und ermöglichte eine hohe Biodiversität.

Mit Einzug der Cash Crop Economy, einer damit einhergehenden verbesserten Infrastruktur und einer generellen ökonomischen Weiterentwicklung der Länder verlor diese Art der Landnutzung zunehmend an Konkurrenzfähigkeit und Attraktivität. Cash Crops sind Pflanzen, die nicht der Selbstversorgung dienen, sondern relativ hohe ökonomische Erträge versprechen, z.B. in Deutschland Weizen oder Mais.

Mit Cash Crops kann also Geld verdient werden, wodurch sich auch die ländlichen Gebiete ökonomisch entwickeln können.

Eine typische Cash Crop ist Naturkautschuk. In den letzten fünfzehn Jahren stieg die Nachfrage nach Naturkautschuk dramatisch an, im Wesentlichen getrieben durch das ökonomische Wachstum und die entsprechende Nachfrage Chinas.

China hat in den vergangenen Jahren fast 40% der jährlichen Weltproduktion von Naturkautschuk abgenommen.

Durch diesen Boom wurden riesige Flächen, traditionelle Landnutzungsflächen, aber auch Naturwälder, in Kautschukplantagen umgewandelt.

Du betreust 3 Studierende, die in Malaysia auf unserer Partnerplantage in Kooperation mit der Uni Hohenheim forschen – Was sollen sie herausfinden?

On Kai Sik Plantation

Die Studierenden Jonas, Xiaomin und Veronika sollen das Managementsystem analysieren. Es geht um das Verständnis der lokalen Rahmenbedingungen des Kautschukanbaus. Was sind die natürlichen Gegebenheiten unter denen Kautschuk angebaut wird? Dazu zählt sowohl der Boden, das Klima, aber auch sonstige Aspekte wie Krankheitsdruck usw.

Und es sollen die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen erfasst werden: Was sind die Beweggründe für Managemententscheidungen?

Das Management hat Auswirkungen auf grundsätzliche Ökosystemaspekte, wie z.B. die Biodiversität.

Kautschuk wird in der Regel als Monokultur angebaut. Durch die umfangreiche Verwendung von Herbiziden wird die pflanzliche Biodiversität extrem stark reduziert. Die pflanzliche Biodiversität stellt aber den Ausgangspunkt einer Nahrungspyramide für die tierische Artenvielfalt dar.

Übergeordnetes Ziel unserer Aktivitäten ist es, das System „Kautschuk-Anbau“ unter den lokal gegebenen Rahmenbedingungen als Grundlage der Entwicklung ökologisch verbesserter Ansätze zu verstehen. Ohne dieses Verständnis läuft man mit allen vermeintlichen Verbesserungsvorschlägen ins Leere.

Was sind sozio-ökonomische Herausforderungen?

Die Menschen müssen von ihrem Land leben können, sonst ist die Bewirtschaftung ein Hobby. Entscheidend ist also, dass ein Landnutzungssystem dem Eigentümer den Lebensunterhalt ermöglicht, sonst funktioniert es nicht und bleibt reine Theorie. Dabei geht es nicht nur um die Sicherstellung des „Überlebens“.

Von außen zu fordern, dass Menschen sich beschränken, um unseren Vorstellungen einer intakten und idealen Umwelt gerecht zu werden, ist letztendlich Neokolonialismus.

Die Menschen wollen auch einen gewissen ‚Wohlstand‘, und das ist gerechtfertigt. Das als Außenstehender zu ignorieren ist so, als würde man bei uns sagen „Harz 4 reicht doch“. Aber neben einer existentiellen Absicherung möchte jeder auch z.B. mal in den Urlaub fahren können.

Man muss Gegebenheiten immer auch im lokalen Kontext sehen. Wenn die Menschen in Malaysia z.B. bei Bosch arbeiten können und bezahlten Urlaub erhalten, dann ist das die Benchmark und nicht, dass sie überleben können. Das ist die große Herausforderung der Landwirtschaft generell: Sie konkurriert mit der übergeordneten Entwicklung von Ländern.

Kedah (die Provinz in Malaysia, in der einhorns Partner-Kautschukplantage liegt) zum Beispiel ist hochindustrialisiert. Die Region zieht Firmen an, die viele Jobmöglichkeiten für Leute bieten. Die Landwirtschaft konkurriert mit diesen Arbeitgebern.

Tapping-with-Gerhard-169x300Warum ist das Projekt wichtig für einhorn und für den Kautschukanbau?

Das Endprodukt ‚Kondom‘ ist ein Downstream Produkt. Das bedeutet, es ist ein für den Endkonsumenten fertiges Produkt.

Aber die Ökologie eines Produktes wird nicht nur Downstream definiert, sondern entscheidet sich schon ‚Upstream‘, an der Ursprungsquelle eines Produktes bzw. dessen Rohstoffs.

Landnutzung hat immer Implikationen für die Umwelt. Es ist auch legitim, dass der Mensch seine Umwelt verändert und an seine Bedürfnisse anpasst – das macht jedes Lebewesen. Die Herausforderung besteht darin, die negativen Auswirkungen gering zu halten.

In unserem Fall bedeutet dies, Kautschukplantagen so zu gestalten und zu managen, dass Ökosystemfunktionen und –dienstleistungen möglichst erhalten bleiben.

Für einhorn ist das wichtig, weil Ihr euch auf die Fahne geschrieben habt, ein ökologisch nachhaltiges Kondom zu produzieren. Das bedeutet, Prozesse entlang der ganzen Produktionskette zu optimieren. Das setzt voraus, diese Prozesse erst einmal zu kennen und zu verstehen, bevor man sie überhaupt optimieren kann.

In diesem Projekt soll das Upstreamlevel – die Produktion des Rohstoffs, durchdrungen werden, um, basierend auf den Erkenntnissen, die ökologischen Rahmenbedingungen auf der Plantage besser gestalten zu können.

Wie schätzt du die Lage in Malaysia und global ein?

Naturkautschuk wird noch auf lange Sicht eine wichtige Rolle spielen, weil er bezüglich seiner technischen Eigenschaften bislang nicht ersetzbar ist. Für Spezialprodukte kann man synthetischen Kautschuk entwickeln, aber in der Breite ist Naturkautschuk noch nicht ersetzbar.

Der Naturkautschukpreis steht aber momentan unter enormem Druck, obwohl weiterhin mit einer Zunahme der Nachfrage gerechnet wird. Wie für global gehandelte Produkte typisch, unterliegt Kautschuk einer hohen Preisvolatilität. In den letzten 15 Jahren hat sich der Kautschukanbau stark ausgeweitet, vor allem als Folge der ökonomischen Entwicklung und der enormen Wachstumsraten Chinas. So hat die deutsche Autoindustrie einen riesigen Absatzmarkt in China. Für die Autotreifen wiederum wird Kautschuk benötigt.

On Kai Sik PlantationEs gibt vor allem zwei Entwicklungen, die dafür verantwortlich sind, dass der Preis unter Druck geraten ist.

Erstens: die Nachfrage nach Naturkautschuk wächst momentan weniger stark. Dies ist die Folge der ökonomischen Abkühlung und sinkender Wachstumsraten in China und eines niedrigen Ölpreises – Öl ist Grundlage für die Produktion von Synthesekautschuk, der mit Naturkautschuk konkurriert und diesen in PKW Reifen teilweise ersetzen kann. Zweitens gibt es momentan ein Überangebot an Naturkautschuk: Durch den Anbauboom und die hohen Preise in der Vergangenheit wurde außerdem die Anbaufläche von Naturkautschuk seit der Jahrtausendwende enorm vergrößert. Viele dieser neu angelegten Plantagen sind in den letzten Jahren in Produktion gegangen. Ein neu gepflanzter Kautschukbaum braucht ca. 6 Jahre bis das erste Mal Kautschuk gezapft (tapping) werden kann. Mit ca. 15 Jahren hat der Baum seinen maximalen Kautschukoutput. So kamen in den letzten Jahren riesige Mengen Kautschuk neu auf den Markt bei sich gleichzeitig abkühlender Ökonomie. Das hat dazu geführt, dass ein Überbestand aufgebaut wurde, der die Preise zusätzlich in den Keller gedrückt hat.

Die extrem niedrigen Kautschukpreise bringen viele Bauern jetzt in Schwierigkeiten: Sie haben große Flächen mit Bäumen, mit denen sie kaum Geld verdienen können. Das führt dazu, dass in vielen Regionen eine Flächenkonkurrenznursery @ Malaysia herrscht.

Kautschukflächen konkurrieren mit anderen Nutzungen, die lukrativer sind, in Malaysia z.B. mit Ölpalme. Es ist ein sehr komplexer und dynamischer Markt.

In diesem Zusammenhang ist auch noch wichtig zu erwähnen: Kautschuk ist sehr arbeitsintensiv. Man braucht handwerkliches Geschick, um gut zu tappen, was in dieser Ausprägung bei Ölpalme nicht nötig ist. Diese verursacht nur einen Bruchteil des Arbeitsaufwands. Zudem kommt hinzu, dass durch ‚off-farm-income-options‘ die Arbeitskräfte sehr knapp sind und im Kautschukanbau ein Arbeitskräftemangel herrscht. Das spiegelt sich ja auch auf einhorns Partnerplantage wieder, auf der das Durchschnittsalter 56 Jahre ist. Bei Smallholdern mit eigenem Land ist dieses Alter evtl. etwas niedriger, weil viele ihr Land selber bewirtschaften. Wenn du aber selbst kein Land hast, gehst du in die Stadt und suchst dir einen Job als Arbeiter.

Das ist echte high speed Globalisierung, was wir da gerade erleben.

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