“Unfuck the Economy” – ein Vorwort von Maja Göpel

Unfuck the Economy Buch von Waldemar Zeiler mit buntem Rahmen

Unser lieber Waldemar hat zusammen mit Katharina Höftmann Ciobotaru das Buch “Unfuck the Economy” geschrieben und das Vorwort von Ökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel findet ihr hier. Viel Spaß beim Lesen!

 

“Vielleicht ist Ihnen der Titel und die Sprache zu krass und zu denglisch. Oder Abrissbirnen waren für Sie noch nie ein Symbol, das für konstruktive Kritik stand. Lesen Sie das Buch trotzdem. Denn Sie halten die Reise eines Gründers und Unternehmers in der Hand, die wunderbar veranschaulicht, warum unsere Ideen und Identitäten mit unseren Aktivitäten und Organisationsstrukturen unmittelbar zusammenhängen. Wie eng ökonomische Konzepte und gesellschaftliche Diskurse über erfolgreiche Entwicklungen miteinander verknüpft sind, und wieso diese Mechanismen zu einer Blockade für nachhaltige Entwicklung geworden ist. Und es bringt auf den Punkt, was Wissenschaftler_innen beschreiben, aber niemals so direkt als Handlungsanweisung formulieren können: dass es an uns Menschen liegt, Geld und Vergütung wieder mit Werten und Wertschöpfung in Einklang zu bringen und ehrlich zwischen produktiven Strukturen zur Sicherung des Gemeinwohls und extraktiven Strukturen zur Sicherung von Verhältnissen zu unterscheiden.

Dabei ist das Buch eine Streitschrift und keine detailliert ausgearbeitete Transformationsschrift – aber in seiner Unmissverständlichkeit und mit seinen deutlichen Ansichten dürfte es sich kaum von den starken Thesen der Start-up- und Unternehmerliteratur unterscheiden, die Waldemar Zeiler gleich in der Einleitung dafür verantwortlich macht, dass viele unglaublich schlaue und ambitionierte junge Menschen auf so monodimensionale Perspektiven wie Erfolg und Wirtschaften eingeschworen werden. Dass wir diesen Tunnelblick dringend weiten müssen, das ist die Kernbotschaft des Buches. Denn wir haben ein verrücktes 20. Jahrhundert hinter uns, in dem unvorstellbares Leid und unvorstellbarer Wohlstand möglich wurden durch menschliche Erfindungen und Kooperation, aber auch durch Zerstörung und Ausbeutung. Das 21. Jahrhundert schickt sich an, noch viel verrückter zu werden. Schließlich haben wir es nicht mehr mit drei bis sechs, sondern mit bis zu zehn Milliarden Menschen zu tun. Nicht mehr mit Dampfloks und Telegrammen, sondern mit Magnetbahnen und Quantencomputern. Nicht mehr mit nationalen Wirtschaftsräumen, sondern mit global vernetzten Abläufen. Konstant ist dabei eines geblieben: All diese menschlichen Entwicklungen finden auf einem einzigen Planeten statt. Auf unserem Raumschiff Erde.

Menschliches Leben passiert genau hier und nirgendwo, weil es in ein großes, umspannendes Netzwerk biologischen Mitlebens eingewoben ist. Die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Nahrung, die wir zu uns nehmen, haben schon viele Male substanzielle Veränderungen durchgemacht, den Verdauungstrakt menschlicher und tierischer Körper durchlaufen und sind immer wieder durch Pflanzen, Pilze, Mikroben und Mineralien so umgewandelt worden, dass für uns wieder und wieder Energie bereitgestellt wird. Interessanter- und zunehmend tragischerweise ist uns diese existenzielle Wahrheit in modernen kapitalistischen Gesellschaften mit ihrem Fokus auf Geldwerte, technologische Durchbrüche und künstliche Infrastrukturen weitgehend abhandengekommen. Allen Warnungen zum Trotz wird die natürliche Wertschöpfung unseres wunderschönen Bioreaktors namens »Natur« nicht positiv bilanziert, sondern möglichst aus den Berechnungen ausgeklammert. Die Preise sagen auch nach vierzig Jahren Agenda für nachhaltige Entwicklung nicht die Wahrheit. Sie spielen uns eine Scheinwelt vor, in der Daten und Finanzen die wichtigsten Zutaten einer erfolgreichen Wirtschaft zu sein scheinen – auch wenn niemand davon satt wird.

Wenn also das Ziel eines Start-ups der schnelle Exit der Investoren ist und der Verkaufspreis an Konzerne den Erfolg ausdrückt, treibt das vielleicht Innovationen in unserer Gesellschaft voran  – sorgt aber nicht unbedingt dafür, dass diese Innovationen auch nachhaltig sind. Zu dieser nachhaltigen Entwicklung gehört auch eine soziale Komponente: Was denken sich Köchinnen, Busfahrer, Pflegerinnen und Bauern, wenn einige schlaflose Jahre an Programmieren und Tischtennisspielen dafür ausreichen, nie wieder aufstehen zu müssen, weil die Vergütungen für digitale Vermittlungsleistungen oder finanzielles Engineering plötzlich so viel höher ausfallen als für das eigentliche Herstellen von Waren und Dienstleistungen? Wie konnte es so weit kommen, dass der Marktwert von Unternehmen, ohne deren Produkte wir alle problemlos überleben könnten, den der Unternehmen weit überragt, die unsere Versorgungssicherheit gewährleisten? Überhaupt: Wieso gelten die Unternehmen als besonders wertvoll, die keine Steuern zahlen und dafür Aktien zurückkaufen, die Dividende über die Vergütung für ihre Mitarbeiter stellen und während der Corona-Pandemie sogar Rettungspakete, finanziert vom Steuerzahler, an die Aktionäre weiterreichen? Auch hier bietet das Buch viele Beispiele, warum in einer solchen Wirtschaftspraxis soziale und ökologische Nachhaltigkeit auf der Strecke bleiben.

Vielleicht sind es auch eher diese kurzfristigen Bedrohungen, mit denen die soziale Marktwirtschaft zu kämpfen hat, als die immer noch als langfristig betrachteten Umweltprobleme, die momentan so viele Unternehmer_innen dazu veranlassen, sich für Nachhaltigkeit und faire Rahmenbedingungen zu engagieren. Denn schließlich schlummert (wenigstens) in dem ehrbaren Kaufmann doch eine Identität des fairen (Ver) handelns und ein Verständnis dafür, dass auch eine Unternehmung immer in gesellschaftliche Netzwerke eingewoben ist. Auch für diese strukturellen Fragen hat Waldemar Zeiler aktuelle Beispiele herangezogen. Sie zeigen, dass Gemeinwohlorientierung dann am besten gelingt, wenn dahinter auch eine entsprechende Gemeinschaft steht, ob nun in unternehmerischen oder politischen Kontexten.

Was wir dafür loslassen sollten und was dann entstehen kann, das beschreibt das Buch in einem dauerhaften Wechselspiel zwischen ethischen Fragen, strukturellen Analysen und persönlicher Dokumentation des eigenen Suchprozesses als Unternehmer und im gesellschaftlichen Engagement. Nach einer knackigen Tour-de-Force durch Missstände genauso wie Stellschrauben für wünschenswerte Veränderungen werden Sie sehen, dass es sicher kein einfacher Weg ist, der vor uns liegt. Vor allem aber wird Sie eine Perspektive nicht mehr loslassen: Aus einem »geht nicht« wird bei ehrlicher Betrachtung in aller Regel ein »will nicht.« Und genau das können wir uns in dieser Krisen- und Transformationszeit nicht leisten.

Aus wissenschaftlicher Perspektive spricht prinzipiell nichts dagegen, dass wir hohe Lebensqualität und kreative Entfaltung, angemessene Versorgungssicherheit und verlässliche Kooperation, sinnvolle Arbeit und regenerative Landschaften auch mit und für 10 Milliarden Menschen sicherstellen können. Dafür müssen wir aber genau das wollen. Dafür wird die Corona-Zeit, in der sich Selbstverständlichkeiten der alten Normalität in Serie auflösen, eine große Chance bieten. Für diese Chance streitet dieses Buch. Selbst wenn Sie einiges anders sehen sollten als in diesem Buch beschrieben, so bleibt 2020 das Jahr, in dem wir Sie und all Ihre Fähigkeiten brauchen, über sich hinauszuwachsen.

Ihre Maja Göpel

Die Ökonomin Maja Göpel ist Transformationsforscherin und gilt als Expertin auf dem Gebiet der Nachhaltigkeitswirtschaft. Ihr Buch Unsere Welt neu denken hat es bis auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft.”

Maja tritt ab 1. November den Posten der wissenschaftlichen Direktorin der 2020 neugegründete Denkfabrik an. Ziel des Hamburger Instituts ist es, “neue Antworten auf die drängenden ökologischen, ökonomischen und politischen Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln und gesellschaftlichen Wandel zu gestalten”.

 

“Unfuck the Economy” könnt ihr hier bestellen.

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