Das “Jungfernhäutchen” – viel Lärm um nichts!

Hymen

 

Um das sogenannte Jungfernhäutchen wird seit jeher viel Aufhebens gemacht. Dabei handelt es sich dabei um einen Mythos. 

Den Mythos im Namen

Die Bezeichnung “Jungfernhäutchen” suggeriert, dass es sich erstens um ein Häutchen handelt und zweitens, dass nur Jungfrauen eins haben. Das ist beides falsch.

Denn in Wirklichkeit gibt es keine Haut oder eine Membran, die wie eine Frischhaltefolie den Vaginaleingang verschließt. Es handelt sich vielmehr um einen Schleimhautsaum, beziehungsweise ein kleines Kränzchen, das den Eingang der Vagina umrahmt. Man kann es sich vorstellen wir ein dehnbares Scrunchie-Haargummi – und eben nicht wie eine Frischhaltefolie, die bei Penetration zerreißt. 

Das Kränzchen, in Schweden wird es mittlerweile vaginale Korona genannt (das hat nichts mit dem Virus zu tun) sondern bedeutet einfach Vaginalkranz, bzw. Krönchen. Der Name ist natürlich unter den gegebenen Umständen schwierig, aber immerhin korrekt – im Gegensatz zu Jungfernhäutchen.

 

Bunte Vielfalt

Dieses Schleimhautkränzchen kommt in den verschiedensten Formen daher, wie ihr auch auf dieser Seite sehen könnt. Jedoch verschließt es die Vagina nicht, weil sonst Menstruationsblut und andere Sekrete gar nicht abfließen könnten. Die anulare Korona kommt am häufigsten vor, anular bedeutet ringförmig und findet sich bei etwa 80 % der weiblich gelesenen Neugeborenen. Bei 19%  ist es eher etwas fransig oder zottelig.  Und bei 1% ist es wie ein Sieb, zweigeteilt oder sieht aus wie eine Blume, ist also an mehreren Stellen zusammengewachsen. Es kann sein, dass die Öffnung dann ärztlich vergrößert werden muss, damit Menstruationsblut abfließen kann. Genau das gleiche ist der Fall beie der HYMENALATRESIE, bei dem die Schleimhaut komplett verwachsen ist. Auch wenn das die ursprüngliche Konnotation mit dem Begriff “Jungfernhäutchen” ist, ist diese äußerst selten. Studien kommen auf Fallzahlen zwischen 0,02 -0,00625 %. Meist wird eine Hymenalatresie erst bemerkt, wenn die erste Periode einsetzt und es dann zu einem schmerzhaften Rückstau von Menstruationsblut in der Vagina oder gar der Gebärmutter kommt. Dann ist eine Operation unumgänglich.

Warum gibt es denn überhaupt dieses “Jungfernhäutchen”?

Der Vaginaleingang des Fötus im Mutterleib ist verschlossen, damit sich die Sexualorgane in Ruhe und ungestört vor eindringendem Fruchtwasser entwickeln können – kurz vor der Geburt bildet es sich aber zurück. Zu Beginn des Lebens ist das Schleimhautkränzchen noch etwas fester und die Öffnung nicht so groß und dehnbar, um die Geschlechtsorgane vor eindringendem Stuhl und Keimen zu schützen. Wenn die Pubertät und die damit verbundene Hormonumstellung einsetzt, bilden sich jedoch Milchsäurebakterien, welche als biologischer Schutz der Vagina dienen. Somit wird die Funktion dieses Schleimhautkränzchens dementsprechend redundant.

Nur bei Jungfrauen?!

Wir mögen das Wort Vaginalkränzchen, weil es direkt mit dem zweiten Mythos aufräumt:

Nämlich, dass dieser kleine Schleimhautfetzen nur bei Jungfrauen besteht und bei der “Entjungferung” oder “Defloration” zerstört wird. Diese Auffassung von Jungfräulichkeit ist allerdings ziemlich patriarchalisch und heteronormativ geprägt, denn Sex wird hierbei auf die vaginale Penetration beschränkt.

Das Vaginalkränzchen sagt nichts über die Jungfräulichkeit einer Person aus. Ein unbeschädigtes Kränzchen ist kein Beweis für Jungfräulichkeit, gleichsam ist ein “beschädigtes” Kränzchen kein Beweis für die sexuelle Aktivität einer Person. Das Kränzchen ist dehnbar genug, um penetrativen Geschlechtsverkehr zur überstehen. 

So hat eine Studie mit 36 schwangeren Teenagern nur bei einer gynäkologischen Untersuchung bei nur  zwei von ihnen eine Veränderung des Hymens feststellen können. Und übe die unbefleckte Empfängnis müssen wir nicht sprechen oder? Also: Auch bei sexuell aktiven Menschen ist das Kränzchen vorhanden, und umgekehrt kann es bei Jungfrauen fehlen oder so gut wie nicht sichtbar sein.

Woher kommt denn dieser Mythos, dass beim ersten Mal Sex zwangsläufig irgendwas kaputt gehen muss? 

Wie bereits erwähnt, wird beim ersten penetrativen Sex nichts wie ein Stück Frischhaltefolie durchstochen. Es kann zwar beim ersten Mal dazu kommen, dass man blutet, allerdings passiert das nur in 50% der Fälle. Das Hymen ist kein Widerstand, der durch Penetration durchbrochen wird – der Widerstand, der von der penetrierenden Person gespürt werden kann, wird ist vielmehr eine verkrampfte Vaginal- und/oder Beckenbodenmuskulatur. Und das Blut, dass beim “ersten Mal” auftreten kann, kommt in den meisten Fällen von Rissen in der Vaginalwand, die durch zu wenig Feuchtigkeit/Sekret verletzt wurde. Denn wenn man aufgeregt ist und nicht entspannt, dann fehlt die natürliche Lubrikation. Und falls die vaginale Korona einreißen sollte, kann sie sogar ziemlich schnell wieder heilen.

 

Ein Konstrukt des Patriarchats

Das “Jungfernhäutchen” ist ein soziokulturelles Konstrukt des Patriarchats, welches instrumentalisiert wurde und wird, um weibliche identifizierte Sexualität zu reglementieren und zu dämonisieren. Doch nicht nur das –  Generationen von Mädchen wurden dazu angehalten, nicht zu wild zu sein, beim Sport aufzupassen und die Beine stets übereinander zu schlagen. 

Dass das ziemlich unwahrscheinlich ist, führt auch die stellvertretende Chefin von UN-Women Åsa Regnér aus: „Die vaginale Korona ist ein Teil des weiblichen Körpers und bleibt das ganze Leben lang. Sie verschwindet auch nicht nach dem ersten Geschlechtsverkehr. Weniger als die Hälfte aller Frauen bluten übrigens beim ersten Mal.“

Das Jungfrauenideal zog und zieht sich zum Teil noch immer durch die ganze Welt und ist in so gut wie allen Weltreligionen zu finden –  nur wird es auf unterschiedliche Art und Weise ausgelegt. Im strengen katholischen Christentum und in vielen Strömungen des Islams wird zum Beispiel wert darauf gelegt, dass man keinen Sex vor der Ehe hat. Während sich das bei Männern mit Penis relativ schwer herausfinden lässt und vor allem die weibliche Sexualität in patriarchalischen Gesellschaften dämonisiert wird, wurde das “Jungfernhäutchen” als Indiz für die Jungfräulichkeit bei der weiblichen Vagina auserkoren. Und das Blut auf dem Laken nach der Hochzeitsnacht obligatorisch als Beweis für die Existenz dieses Jungfernhäutchens. Das hatte auch den Grund, dass der Mann sich sicher sein kann, dass die Ehepartnerin vor der Ehe keinen Sex mit jemand anderem hatte und jetzt womöglich schwanger ist – und der Mann dann seine harte Arbeit dem Kuckuckskind widmet. So welche Ansichten sind in Zeiten von Patchwork Familien natürlich längst überholt.

 

Blut auf dem Laken

Aber woher kommt denn der Mythos, dass es beim ersten penetrativen Sex bluten MUSS? Diese Frage lässt sich beantworten, wenn man einen Blick in die Zeit wirft, in der Mädchen mit wesentlich älteren Männern verheiratet wurden. Durch die Unterschiede in der anatomischen Entwicklung kam es beim Geschlechtsverkehr zwangsläufig zu Verletzungen und somit auch zu Blut auf dem Laken, dass die Jungfräulichkeit symbolisieren sollte. 

Mittlerweile wird mit der Angst vor dem fehlenden Blut auf dem Laken ein richtiges Geschäft gemacht. 

Hymenrekonstruktionen und künstliche Jungfernhäutchen

Sogenannte “Hymenrekonstruktionen” werden in vielen Ländern angeboten. Auch in Deutschland läuft das Geschäft mit der Jungfräulichkeit. Genauer gesagt mit der Idee, ein scheinbar durch penetrativen Verkehr verletztes Vaginalkränzchen wieder zusammenzunähen. Diese Eingriffe sind medizinisch allerdings unsinnig. In vielen Fällen wird einfach nur sehr viel Geld mit diesen Eingriffen gemacht und es gibt auch keine Garantie dafür, dass man dann beim nächsten penetrativen Geschlechtsverkehr blutet. Trotzdem gibt es Personen, die sich einer Operation unterziehen, welche in Deutschland nicht standardisiert ist – das führt dazu, dass es keine Qualitätskontrollen oder Dokumentationen für diese Eingriffe gibt. Der Vaginalsaum ist ganz weich und super schwer zu nähen und oftmals wird bei solchen Eingriffen die Vaginalschleimhaut zusammengenäht, was absoluter Wahnsinn ist.

Trotzdem sind die individuellen Situationen der Frauen oft ziemlich komplex. Das erfahren vor allem Gynäkolog*innen wie Jutta Piefke, die in Beratungsstellen arbeiten und dem Verein HOLLA e.V. ein Interview gegeben hat. Wenn nach einem aufklärenden Beratungsgespräch über die Nichtexistenz des Hymens noch immer auf eine Operation bestanden wird, kann diese durchgeführt werden. Dabei wird aber ganz schön Reibach mit der Angst der jungen Frauen gemacht – denn die Eingriffe sind teilweise sehr teuer und kosten bis zu 3000 Euro,  obwohl der Eingriff schon für 100 Euro durchgeführt werden könnte. Glücklicherweise gibt aber auch Ärzt*innen, die diese nicht notwendige Operation zu einem fairen Preis durchführen, einfach weil auf den Patientinnen oft eine so hohe psychische Last liegt, die ihnen so genommen werden kann.

Eine andere Alternative sind kleine Zelluloseträger mit Kunstblut, die kurz vor der Hochzeitsnacht in die Vagina eingeführt werden. Dieses Kunstblut  wird dann durch Reibung und Wärme freigesetzt.

Das ist natürlich absurd, kann aber für viele junge Frauen, von denen erwartet wird, als Jungfrau zu heiraten, eine Rettung sein. 

 

True love can wait?

Übrigens ist der Keuschheitskult keine rein muslimische Sache. In den vereinigten Staaten zum Beispiel gibt es die True Love Can Wait – Bewegung. Die Anhänger*innen dieser Bewegung tragen oftmals einen Purity Ring, der das Keuschheitsversprechen symbolisiert und dann bei der Eheschließung der/dem Partner*in übergeben wird. Prominente Vertreter*innen waren unter anderem Jungschauspieler*innen wie Miley Cyrus, Demi Lovato oder Hilary Duff. Auch Justin Bieber, Jonas Brothers und Selena Gomez waren ebenfalls Träger des Ringes, haben diesen mittlerweile aber abgelegt.

Cup und Vaginalkränzchen

Abschließend kommen wir zu einer Frage, die uns öfter gestellt wird: Kann man den Papperlacup benutzen, wenn man Jungfrau ist?  Diese Frage kann man nicht eindeutig beantworten, doch in den meisten Fällen ist es kein Problem . Dass Kränzchen ist wie bereits erwähnt keine Membran, sondern eher ein weicher und elastischer Schleimhautsaum. Da das Vaginalkränzchen jedoch bei jedem Menschen unterschiedlich ist (wie Fingerabdrücke) und es auch Menschen gibt, bei denen es zum Teil zusammengewachsen ist, kann es auch sein, dass es mit dem Cup nicht funktioniert. Wenn ihr Jungfrauen seid und ihr beim Einsetzen Probleme habt, dann bitte nicht mit Gewalt vorgehen, sondern eher einen Termin bei dem/der Gynäkolog*in machen. Es gibt auch Cremes, die die Schleimhaut elastischer machen!

Generell braucht es ein bisschen Übung und Geduld. Insbesondere wenn man jünger ist und den eigenen Körper vielleicht noch nicht so gut kennt, sollte man sich viel Zeit nehmen und sich vielleicht auch mal mit einem Handspiegel anschauen, was da untenrum so alles los ist. 

Denn wenn man den eigenen Körper kennt, können einem auch Mythen wie das “Jungfernhäutchens” einem nichts mehr anhaben.

 

Illustrationen von Sandra Bayer (sandra-bayer.de)

 

Quellen:

 

http://holla-ev.de/broschuere/

https://www.zeit.de/online/2009/26/jungfrauenwahn/komplettansicht 

http://holla-ev.de/

http://hymenshop.com/index.php?page=Home_German 

https://www.fischerverlage.de/buch/ellen_stokken_dahl_nina_brochmann_viva_la_vagina/9783103973389

https://www.virginia-care.de/de/hymenrekonstruktion-800/

https://pediatrics.aappublications.org/content/113/1/e67.long

https://pediatrics.aappublications.org/content/113/1/e67

https://www.frauenrechte.de/images/downloads/ehrgewalt/hymen/StellungnahmeWiederherstellungJungfraeulichkeit.pdf

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