Penisgedanken

Giant Gino Pimmelstempel

Die Dudenskala für die Synonyme des männlichen Glieds ist so vielfältig wie bei kaum einem anderen Substantiv. Sie reicht von „umgangssprachlich“ über „landschaftlich salopp“, „salopp scherzhaft“, „landschaftlich derb“ bis hin zu „vulgär“. Zuzüglich einiger Zwischenschritte. Die Vielzahl der Bezeichnungen zeigt vor allem eines: Der Penis wird zu wichtig genommen. Rund vier Milliarden Menschen haben einen. Als Phänomen ist er also wesentlich weiter verbreitet als zum Beispiel ein Überbein oder Linkshändigkeit. Ich persönlich finde eine Vagina optisch wesentlich ansprechender, aber das ist nur meine persönliche Meinung. Nicht dass ich unbedingt eine haben wollte, aber ich mag symmetrische Lösungen, wo nichts lose rumbammelt. Aus diesem länglichen Stückchen Fleisch einen Grund für unterschiedliche Besoldungsmodelle zu machen, halte ich für übertrieben.

Ohnehin sieht man als heterosexueller Mann nicht genug Penisse, um über die in der Natur vorkommenden Formen und Größen kompetent referieren zu können. Im Brockhaus (Ausgabe 1954) meiner Eltern gab es ethnologische Tafeln, auf denen er mir sehr groß erschien. Im Vergleich zu meinem eigenen elfjärigen Penis. Andererseits – die Stadt, in der ich aufwuchs, kommt mir heute auch sehr klein vor. Der Penis von Michelangelos David hingegen war auch im Lexikon nicht besonders groß. Möglicherweise sollte er ursprünglich länger sein und Michelangelo hat mit dem Meißel in einem Moment der Unachtsamkeit daneben gedengelt und musste auf die Schnelle ein bisschen improvisieren. 5,17 Meter hohe Marmorblöcke wachsen schließlich nicht auf den Bäumen.

Dass man in freier Wildbahn keine Penisse sieht, stimmt natürlich nicht so ganz. Natürlich kommen sie vor, aber eben nur in der Gemeinschaftsumkleide oder in der Sauna. Und da zieht man sich um oder schwitzt. Lediglich sehr extreme Größenausreißer fallen dabei auf. Es gab in meiner fünften Schulklasse einen Jungen, der als Zucchini im präpubertären Gewürzgürkchenland auftauchte. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, waren wir alle insgeheim froh, als er relativ rasch sitzenblieb.

Der Teil der Filmindustrie, der sich ausschließlich der Zurschaustellung und dem Vergnügen des Penis widmet, zählt bei der Größendiskussion nicht. Niemand käme auf die Idee, Dustin Hoffman für die Rolle als Center in einem Spielfilm über eine Basketballmannschaft zu besetzen. Außerdem möchte man auch nicht wirklich ein Sparbuch eröffnen und hinter vorgehaltener Hand tuscheln: „…auf den Namen Long Dong Silver. Ja genau – wie man es spricht“. Tatsächlich ist dem heute 56-jährigen Mimen dieses Namens der Wechsel ins Charakterfach nie gelungen.

Bekanntlich ändert der Penis in Extremsituationen seine Form überraschend. Das ist vermutlich sein einziges wirklich interessantes Feature und als Mann sollte man sich darüber freuen, dass die Natur diese Metamorphose so vergleichsweise harmlos eingerichtet hat. Man stelle sich vor, der Liebesakt würde mit dem Chinchilla-Stressmechanismus starten und wir würden vor Aufregung sämtliche Haare auf dem Spannbettlaken abwerfen. Besonders unangenehm natürlich bei schwarzer Bettwäsche.

Die unterschiedlichen Aggregatzustände desselben Körperteils sind unberechenbar: Was schlaff groß ist, legt Augenzeugenberichten zufolge mitunter kaum noch zu und klein kann deutlich über sich hinauswachsen. Muss aber nicht; da ist angeblich einfach alles möglich. Mit Partnerinnen redet man darüber meistens nicht: Natürlich wünscht sich jeder eine sensible, aber dennoch ehrliche Freundin, aber würde sie sagen: „Im langjährigen Mittel ist das hier eine gute Drei“ – das wäre doch auch enttäuschend. Eine Zwei minus übrigens auch, aber das ist vielleicht typabhängig. Man ist ja ehrgeizig.

Ich selbst bin in den 1970er Jahren aufgewachsen. Damals gab es für den „Partykeller“ – einen Raum, den es heute gar nicht mehr gibt – kleine Holzfiguren, die Adam und Eva symbolisierten. Freunde meiner Eltern hatten diese Laubsägearbeiten, die man ineinanderstecken konnte. Meine Sexualität ist von diesem Holzpüppchen nachhaltig verdorben worden: Adams Penis war im 90 Grad Winkel in den Holzrohling geleimt und das war lange mein pubertärer Maßstab. 90 Grad. Woher sollte ich wissen, dass das technisch schwierig würde? Youporn gab es nicht und für alles, was mir Klarheit verschafft hätte, war ich zu jung oder zu katholisch.

Als ich endlich wusste, dass der Winkel bei mir stimmte und anders als beim Holz-Adam sein durfte, starben die ersten Prominenten an AIDS. Michel Foucault, Rock Hudson, Robert Mapplethorpe, Keith Haring und Freddie Mercury. Kondome waren plötzlich ein selbstverständliches Lebensmittel. Nach der sexuellen Revolution, die die Pille ausgelöst hatte, gab es außerdem eine neue Frauengeneration, zu deren Freiheitsbegriff auch die Gleichberechtigung in Verhütungsfragen gehörte: Anlassbezogene Familienplanung nach dem Verursacherprinzip statt einer hormonellen Dauerbeschallung – das schien nur fair.

Die Angst, man würde in einem Kondom nichts spüren, ist völlig unbegründet: So winzig, dass eine 0,06 Millimeter starke Latexwand das Vergnügen stören könnte, ist kein Penis der Welt – so viel Selbstbewusstsein sollte jeder Mann haben. Und dass Bill Gates heute eine Millionenprämie für die Forschung aussetzt, die ein leichter zu bedienendes Kondom entwickelt, kommt mir seltsam vor: Ein einfacher zu bedienendes Microsoft Word erscheint mir logischer – aufreißen, aufsetzen und das Textfeld abrollen, warum ist das bis heute nicht möglich?

Gastbeitrag von Peter Breuer.

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