Was ist Männlichkeit und brauchen wir das?

In dem neuen Video von Lil Nas X tanzen nackte Männer unter der Dusche eine Art HipHop-Ballett-Lapdance und mein* erster Gedanke: krass, wie männlich die dabei aussehen! Ich hab mich sofort selbst ertappt und mir ist natürlich das Lied von Herbert Grönemeyer durch den Kopf geschossen. Was soll das denn genau sein “männlich”? Und wieso ist es wichtig, dass männlich gelesene Menschen so aussehen? Alleine diese Formulierung funktioniert nur durch Attributionen und Annahmen, etwas dem ich eigentlich entgegen stehe. Männlichkeit – was ist das heute noch, und wie gehen wir damit um?

Männlichkeit kann sowohl als medizinisches, aber auch als gesellschaftliches Konzept verstanden werden. Häufig tritt es in Kombination auf, wird unwillentlich vermischt oder unwissend falsch verwendet. Am medizinischen Ansatz gibt es zudem seit einigen Jahren berechtigte Kritik, weil bis heute nicht nachgewiesen ist, dass Attribute, die männlich gelesenen Personen zugesprochen werden, ohne Ausnahme auf eben jene Personen auch zutreffen. Darüber hinaus gibt es mehr Geschlechter als Mann & Frau.**

Was ist eigentlich männlich?

Stark, Jagdinstinkt, logisch im Denken und vieles mehr sind Eigenschaften, die als typisch “männlich” gelten. Das sie aber bei diesem (medizinischen) Geschlecht vermehrt auftreten ist nicht anzunehmen, sondern eher, dass diese Eigenschaften speziell gefördert wurden und sich die Annahme durch den Ausschluss selbst bestätigt hat. Beispiel: Dürfen nur männlich gelesene Personen in die Wissenschaft, dann heißt es diese seien besonders schlau und progressiv. Hier seht ihr: nur medizinisch zu bleiben ist nicht möglich, es wird sofort auch gesellschaftsrelevant.

Einen historischen Abriss über Männlichkeit kann ich euch ersparen, denn wir leben nicht erst seit gestern im Patriarchat und wissen demnach auch wie vielfältig sich besonders negative Männlichkeit auf die Gesellschaft in Form von Ungerechtigkeiten auswirken kann. Spätestens nach dem Buch von Sophie Passmann kennen wir wohl auch alle den Begriff  “alter weißer Mann”. An negativen Ausdrücken im Bezug mit Männlichkeit fehlt es unserer Sprache nicht: toxic masculinity, mansplainen, manspreading… Die Liste geht weiter!

Diese Blickrichtung wirkt fast schon Männlichkeitsfeindlich. Das wird vielen Feminist*innen auch zugeschrieben – ich kann es nicht für alle verneinen oder erklären, aber meine Sichtweise ist folgende: Viele erfahren eine negative Seite von Männlichkeit, leiden unter dem Patriarchat und/oder erfahren deshalb täglich Diskriminierungen in unterschiedlichsten Bereichen. Die Feindlichkeit richtet sich demnach vor allem gegen diese eine bestimmte Art von Männlichkeit, die sich seit Jahrhunderten gesellschaftlich und insbesondere politisch aufgebaut hat, aber auch bis in den eigenen Haushalt durchgedrungen ist.

Jetzt ist nicht jede männlich gelesene Person der Innbegriff von dieser – nennen wir sie – toxischen Männlichkeit. Teilweise unbewusst, teilweise Opfer des Systems und teilweise vielleicht frei davon gibt es viele männliche Personen, die wie alle Menschen nach Identität suchen. Unschuld schützt auch hier vor Torheit nicht. Soll heißen: Ihr männlich gelesen Personen müsst euch eurer Privilegien bewusst sein oder werden und diese Stück für Stück hinterfragen und für andere einsetzen.

 

Die neue Männlichkeit?

Wenn diese Privilegien dann aber weg sind: Was bleibt dann? Was ist dann die Männlichkeit, die wir neu definieren und die euch Identität geben kann? Einige glauben es braucht diesen Ansatz überhaupt nicht. Geschlechterzuschreibungen sollten komplett aufgehoben werden und eine neue Fluidität von Geschlechtern sei die Zukunft. Eine Identität schaffen fernab von Geschlecht hinzu z.B. Charakter, Kultur und Persönlichkeit. Was fast scheint, wie ein Ideal ist für einige aus der jetzigen Jugend Realität. Viele der generation-Z verzichten inzwischen auf eine Einordnung in das Binäre Geschlechtskonzept. Das kann durchaus ein Trend sein, aber auch der längst überfällige Anfang der Verabschiedung von Mann & Frau, männlich & weiblich, feminin & maskulin.

Was bleibt sind viele Fragen nach Orientierung. Es gibt nur wenige Eigenschaften, die noch nicht einem Geschlecht zugeordnet sind. Somit braucht es eine Neuinterpretation und das Loslösen vom Geschlecht von allen Attributen, die wir kennen. Es braucht die Frage, wie wichtig Geschlechter in unserer Gesellschaft sind und wie wichtig sie bleiben sollen.  Denn nehmen wir den männlich gelesenen Menschen, die Männlichkeits-Attribute, nehmen wir ihnen auch die Männlichkeit, die wir heute kennen und sorgen somit für eine Identitätskrise, wie es sie selten gegeben hat, wie wir sie aus meiner Sicht aber brauchen. So fragil wie Männlichkeit zu sein scheint – bei Homosexualität gerät das Konzept ja schon in’s Wanken – sollte dieser Schritt der Abschaffung, doch aber ein Kinderspiel werden.

 

 

*Annik

** Mehr zu dem Thema findet ihr bei Judith Butler.

Bilder sind von Greta Ilieva und Gabriel Ephraím Rondón


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