Einhorn verlässt B Corp – 5 Zehen erklären warum

Einhorn verlässt das Nachhaltigkeitslabel B Corp? Aber… aber… aber… was ist denn mit mit eurer Fairstainability Mission, sozialökologische Gerechtigkeit und so… Macht ihr etwa einen Rückzieher?” Nein, nein – auf keinen Fall! Mittlerweile merken wir nur, dass wir uns verändert haben und es Zeit für neue Wege wird – auch in Sachen Nachhaltigkeit. 

 

By the way, B Corp: Was ist das eigentlich?

 

B Corp (Benefit Corporation) versteht sich als eine globale Bewegung und Zertifizierung, die unter dem Leitsatz “Business as a force for good” einen globalen Beitrag für mehr Nachhaltigkeit leisten möchte. Das Ziel der Organisation ist es, die Bemühungen und Maßnahmen von Unternehmen in Sachen Gemeinwohl sichtbar zu machen, ihnen durch eine externe Überprüfung Verbesserungspotentiale aufzuzeigen, sie mit anderen Purpose Unternehmen zu vernetzen und die Zertifizierung für die Außenkommunikation und das Marketing nutzbar zu machen. Das dahinterstehende Prinzip ist einfach: Ein Unternehmen bekommt 200 Fragen aus 4 Nachhaltigkeitsbereichen gestellt. Erreicht das Unternehmen mindestens 80 Punkte durch seine nachvollziehbar belegten Antworten, gibt’s das B Corp Zertifikat für 3 Jahre warm serviert auf die Kralle.

 

Klingt doch spitze – Wo drückt der Schuh? 

Am großen Zeh:
Einiges ist zu klein für unseren großen Zeh.

Unter anderem der Rahmen, in dem sich die B Corp-Nachhaltigkeitsidee bewegt: Unser Engagement in Sachen Fairstainability und New Work hat sich in den letzten Jahren immer weiter ausgedehnt. Viele unserer Ansätze sind zu unkonventionell und gewissermaßen radikal, als dass sie durch die vorgegebenen Kriterien der Zertifizierung ausreichend erfasst werden könnten (z.B. alle bestimmen ihr Gehalt selbst oder Rohstoffe, die noch über übliche Standards hinausgehen wie z.B. die Baumwolle von Remei). Auch eine Ausrichtung am Shareholder Value/Gewinnen für Investoren (die B Corp mit ihrer Idee auch direkt ansprechen will) sind für uns keine funkelnden Leitsterne. Stattdessen freuen wir uns, seit 2020 ein Purpose Unternehmen zu sein und damit ein neues Level an Unabhängigkeit erreicht zu haben.

Auch das deutschsprachige Netzwerk hat (noch) zu wenig von einem großen Zeh – etwa 47 Unternehmen sind (Stand Juli 2022) in Deutschland Mitglied. Das Austauschpotential ist damit relativ gering. Durch die begrenzte Bekanntheit des Labels gleicht auch die Aussagekraft für Business-Partner*innen und die öffentliche Botschaft (bisher) eher einer zarten Brise. 


Am Zeigezeh:
Zeigt mit dem Zeh auf unsere Schwachstellen – gerne noch mehr.

Aus unserer Perspektive bewegen sich die Anforderungen der B Corp Zertifizierung eher im soliden Mittelfeld. Einerseits ist das super, weil so die Hemmschwelle, ein Zertifikat zu bekommen, auch für junge oder “klassische” Unternehmen geringer ist und kein elitärer Öko-Überflieger-Club entsteht. Andererseits halten sich dadurch auch die Verbesserungspotentiale, die das Label aufdeckt, in Grenzen. So gibt es z.B. Pluspunkte für das, was man gut macht, aber keine Minuspunkte für den Kladderradatsch, den man möglicherweise an anderer Stelle fabriziert. Entsprechend die Überleitung zum nächsten Fußwürstchen…


Am Mittelzeh:
Wer befindet sich rechts und links von uns?

Einerseits schätzen wir es, dass B Corp so viele diverse Unternehmen unter seiner Fahne vereint. Andererseits haben wir dahingehend auch Bedenken, wo wir uns einreihen. Die Frage nach Governance-Strukturen und Eigentumsverhältnissen sind für uns Kernfragen eines nachhaltigen Wirtschaftsweise (auch deshalb sind wir ein Purpose Unternehmen geworden). Große Konzern-Strukturen sehen wir dahingehend, wie z.B. auch in Bezug auf gesellschaftliche Machtverhältnisse, kritisch. Zu B Corp gehören zahlreiche Unternehmen, die solchen Strukturen angehören, z.B. Tochterunternehmen von Unilever oder Danone. Danone ist u.a. auch in die Governance von B Corp eingewoben und an der Festlegung der Zertifizierungsanforderungen beteiligt – allerdings neben anderen auch kleineren, in der Nachhaltigkeitswelt bekannten Unternehmen.
Super ist, dass B Corp ein Auge auf strittige Verstrickungen wirft. Unter dem Punkt
Conflict of Interest findest du dazu mehr Infos, ebenso wie in der Rubrik Controversial Issues


Am Ringzeh:
Eine Beziehung braucht Pflege.

Auch wenn der Aufwand und die Kosten sich noch in Grenzen halten, so sind es trotzdem Zeit und Geld, die für die Zertifizierung aufgebracht werden müssen. Wir glauben und hoffen, diese Kapazitäten an anderer Stelle noch effektiver und direkter einsetzen zu können.


Am kleinen Zeh:
Den Überblick zu behalten ist schwierig.

Vieles bei B Corp ist nicht so transparent, wie wir es uns erhoffen: Welche größeren Ziele verfolgt die Bewegung? Wie übersetzen sich die Antworten der Unternehmen in konkrete Punktzahlen? Ist es notwendig, dass die Informationen zu B Corp über so viele Websites verstreut sind? Viele unserer Fragen ließen sich bestimmt durch Gespräche, Recherche etc. beantworten – derzeit fühlen sich die Kapazitäten dafür aber anderer Stelle besser aufgehoben an.


Am Juli Zeh:
Kennt ihr schon ihr neustes Buch?
 


Insgesamt halten wir fest: Der B Corp Schuh und der einhorn Fuß*Huf passen nicht mehr so recht zusammen – es wird Zeit für einen Abschied. Daher werden wir uns im September kein weiteres Mal zertifizieren lassen.


Trennung schön und gut, aber wie geht’s weiter?

 

Wir munkeln noch. Eine Karriere als unabhängiges Wildhorn, eine andere Zertifizierung mit noch tiefergreifenderem Ansatz oder ganz was Neues? Einerseits fragen wir uns, ob wir Zeit und Geld, die generell für Zertifizierungen drauf gehen, “impactvoller” nutzen könnten. Andererseits ist es für uns super hilfreich, wenn uns jemand Externes darauf hinweist, wo wir noch nachhaltiger sein könnten. Es ist schön, sich dahingehend (und auch bezüglich dem, was wir schon gut machen) mit anderen auszutauschen und gemeinsam Teil einer größeren Bewegung zu sein. Gerade wenn es darum geht, das ganze System von Innen heraus zu verändern.

Gemeinwohlökonomie, Donut-Ökonomie und Poliertücher?

Eine Möglichkeit, die wir im Moment noch diskutieren, besteht darin, dass wir uns der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) anschließen und uns nach diesem Standard zertifizieren lassen. In diesem Beitrag wird die GWÖ kurz erklärt. Der Nachhaltigkeitsansatz ist stärker und die dahinterstehenden Ziele und Visionen größer.  Noch heißer im Gespräch ist das Konzept der Donut-Ökonomie von Kate Raworth, das sich als vielversprechender Handlungskompass für die globalen sozialökologischen Problematiken erweisen könnte. 
Für diese vielen großen Fragen strategischer Natur braucht es allerdings noch ein bisschen mehr Klarheit. Wir schwingen die Poliertücher und halten euch auf dem Laufenden…

Illustration von Sandra Bayer


One reply on “Einhorn verlässt B Corp – 5 Zehen erklären warum

  • Iris Lapinski

    Liebes Einhorn Team,
    Wie in unseren Gesprächen erwähnt, finden wir es sehr schade, dass ihr die B Corp Community verlasst, aber wir können eure Gründe vollkommen nachvollziehen. Wir arbeiten als noch ziemlich neues Team in Deutschland hart daran, nicht nur die Bewegung hierzulande größer und sichtbarer zu machen, sondern auch die Community besser und wirkungsvoller miteinander zu verknüpfen, v.a. jetzt nach 2 Jahren Pandemie.
    Eure Arbeit bei Einhorn und wie ihr euch stetig verbessert ist großartig. Auch wenn ihr in Zukunft nicht mehr zertifiziert seid, werden wir ja alle auch weiterhin in unserem Bereich daran arbeiten, dass mehr Unternehmen Verantwortung übernehmen und ihr Geschäftsmodell nutzen, um einen positiven Effekt auf die Gesellschaft und die Umwelt zu erzielen. Ihr seid da tolle Vorreiter und werdet aus unserer Sicht auch immer eine “B Corp im Geiste” bleiben. 🙂
    Wir arbeiten als globales Netzwerk daran unsere Standards weiterzuentwickeln und vielleicht kreuzen unsere Wege sich ja in der Zukunft wieder? Durch unsere Partnerschaft mit der GWÖ, durch SEND oder auch in anderer Weise.
    Bis dahin wünschen wir euch alles Gute!
    Iris & das B Lab Deutschland Team

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