Interview mit Herrn Niekisch: Warum die Biodiversität uns alle angeht

Ja ja ich weiß. Immer wieder komme ich mit Biodiversität an und warum sie so wichtig ist. Aber so richtig wichtig findet ihr sie immer noch nicht, obwohl auch der Spiegel diese Woche berichtete, dass ein Fünftel aller Pflanzenarten weltweit vom Aussterben bedroht sind.

Ich habe mich also mit einem Experten unterhalten: Herrn Professor Niekisch, den Zoodirektor des Frankfurter Zoos und internationaler Experte für Naturschutz.

einhoProf. Niekisch_Interviewrn: Lieber Herr Prof. Niekisch,

Sie sind Biologe und Direktor des Zoos Frankfurt. Wikipedia beschreibt Sie außerdem als internationalen Experten für Naturschutz. Ich habe Sie auf einem Vortrag kennengelernt, auf dem Sie zum Schutz der Biodiversität aufgerufen haben.

Können Sie unseren Lesern kurz den Begriff der Biodiversität erklären und was mit Biodiversitäts-Hotspots gemeint ist?

Professor Niekisch: Biodiversität reicht von den genetischen Unterschieden innerhalb einer Art (jede Giraffe ist eine Giraffe, aber jede ist genetisch unterschiedlich), über die Unterschiede zwischen den Arten (wie zum Beispiel zwischen Giraffen und Akazien) bis zu den unterschiedlichen Lebensgemeinschaften mit ihren Stoffkreisläufen (z.B. Meere, Moore, Wälder, Wasser- und Stickstoffkreislauf etc.).

Biologische Hotspots sind Gebiete mit einer besonders hohen Biodiversität. Es sind also Brennpunkte der Biodiversität. Messen kann man das anhand der Anzahl unterschiedlicher Arten auf einer bestimmten Fläche.

einhorn: Warum ist die biologische Vielfalt für unser Leben und das von nachfolgenden Generationen auf der Erde so wichtig? Wofür brauchen wir die biologische Vielfalt?

Professor Niekisch: Die biologische Vielfalt ist die Grundlage allen Lebens, auch von uns Menschen. Unser Leben, unser Wirtschaften hängen von ihr ab. Die Biodiversität manifestiert sich in Ökosystemen, die Dienstleistungen für uns Menschen erbringen, sogenannte „Ökosystemdienstleistungen.“ Sie liefern uns z.B. Rohstoffe, Nahrung, Medizin, sauberes Wasser, fruchtbare Böden und saubere Luft. Die Natur setzt den Rahmen, in dem wir als Menschen existieren können und den wir nicht sprengen können. Sie ist auch die Basis für die Entwicklung des weiteren Lebens auf der Erde.

einhorn: Sie haben kürzlich die Studie “Biologische Diversität – Ressource und Menschenrecht” veröffentlicht. Können Sie uns kurz Ihre Erkenntnisse hieraus mitteilen?

Professor Niekisch: Wie gesagt, die biologische Vielfalt ist die Grundlage allen Lebens und Wirtschaftens. Wir in den Industrienationen sind uns dessen oft nicht bewusst, holen uns die Vielfalt aus der Apotheke und dem Supermarkt.

Aber Menschen, die in Subsistenzwirtschaft leben, spüren dies unmittelbar und oft dramatisch. Wird ihr Zugang zu biologischer Vielfalt und der Möglichkeiten diese nutzen, stark eingeschränkt, etwa durch die Abholzung der Regenwälder und die Umwandlung in Monokulturen, erleben sie bitterste Armut oder können gar nicht überleben.

“Biologische Vielfalt als Menschenrecht”

Ich finde deshalb, dass biologische Vielfalt und der Zugang zu dieser als Menschenrecht wie beispielweise das Recht auf Leben und das Recht auf Obdach, Nahrung und Bildung gesehen werden sollten.

einhorn: Warum geht die biologische Vielfalt global zurück? Wodurch wird sie bedroht?

Professor Niekisch: Wir beobachten derzeit eine nie dagewesene Ausrottungswelle von Tier- und Pflanzenarten. Lebensräume wie z.B. tropische Wälder werden in zunehmendem Maße zerstört.

“Die Vernichtung von Arten und die Zerstörung von Lebensräumen nehmen Dimensionen an, die es so noch nie gegeben hat.”

Diese Zerstörung ist von Menschen gemacht. FaktoBiodiversityren sind bei uns hier in Deutschland unter anderem die Nährstoffüberfrachtung der Ostsee, der Binnengewässer und des Bodens und der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft. Die Versauerung der Meere führt zu einem dramatischen Rückgang an Meereslebewesen. Und die Überfischung der Meere führt zu einem dramatischen Rückgang an Meeresfischen und damit zur Reduzierung der Eiweißversorgung für den Menschen.

Viele Menschen trifft das hart. Zum Beispiel können somalische Fischer an ihren Küsten nicht mehr so viel fischen, dass es zum Leben reichen würde. Das Meer bietet ihnen keine Ernährungsgrundlage mehr. Und ja, dann braucht man sich auch nicht wundern, wenn sie aus der Not heraus in der Piraterie die Alternative sehen.

einhorn: Wo liegt die Gefahr, wenn wir es nicht schaffen die Biodiversität weltweit zu schützen?

Professor Niekisch: Das würde zumindest einen massiven Verlust an Lebensqualität bedeuten, mit schweren sozialen Folgen, aber oft auch wirklich existenzbedrohend werden. Nehmen wir zum Beispiel ganz aktuell die steigenden Flüchtlingszahlen aus Afrika. Was wir hier gerade sehen, ist nur die Spitze des Eisberges.

Es gibt Millionen Menschen, die momentan noch innerhalb Afrikas auf der Flucht sind, weil es in ihrer ursprünglichen Heimat keine Lebensgrundlage mehr gibt. Auch die werden irgendwann zu uns kommen, wenn nichts Entscheidendes geschieht.

hai-neuAußerdem ist die biologische Vielfalt die Basis für viele Wirtschaftssektoren wie z.B. Kosmetika und Arzneimittel. Aber sie bietet auch wichtige Vorbilder für ganz andere Wirtschaftszweige. In der Luftfahrt wird gerade die Haut der Haie näher untersucht, um deren Strukturen zu imitieren, damit der Reibungswiderstand möglichst gering ist. Die Techniker können sich etwas von der Natur abgucken und Funktionen imitieren. Der Lotuseffekt ist ein weiteres Beispiel, das der Natur abgeguckt wurde. Er wird industriell inzwischen zur Selbstreinigung von Oberflächen zum Beispiel bei Waschbecken eingesetzt. Hier gibt es noch unendlich viele Beispiele. Dieser ganze Bereich nennt sich Bionik.

Wenn Tier- und Pflanzenarten verloren gehen, verlieren wir unendlich viele Möglichkeiten, auch Technisches von der Natur zu lernen.

einhorn: Woran glauben Sie liegt es, dass den meisten Menschen bewusst ist, dass der Klimawandel eine Bedrohung für uns und für nachfolgende Generationen darstellt, aber der Verlust der biologischen Vielfalt nur bei wenigen Menschen auf der Agenda steht?

Professor Niekisch: Der Klimawandel ist etwas, das einen unmittelbar betrifft. Das versteht jeder. Das kann sich jeder vorstellen. Man klagt darüber, wenn der Frühling zu nass ist oder der Sommer zu heiß wird.

“Viele denken bei der derzeitigen Krise biologischer Vielfalt, dass es sich um den Verlust von ein paar seltenen Arten handelt.”

Das ist falsch. Es geht um die Grundlage unseres Lebens und Wirtschaftens. Es geht hier, ganz nüchtern betrachtet, um unser Überleben. Dass viele Leute das nicht auf der Agenda haben, liegt eben daran, dass wir gar nicht mehr wissen, wo zum Beispiel unsere Lebensmittel letztendlich herkommen. Wir holen uns Vielfalt an der Einkaufstheke und helfen uns mit Importen.

Der Verlust der biologischen Vielfalt ist für uns deshalb, wie gesagt, nicht unmittelbar erlebbar. Kleinbauern und Fischer in Afrika, Asien, Südamerika dagegen erleben ihn zunehmend ganz direkt und existenzgefährdend.

einhorn: Wie könnte Ihrer Meinung nach der Ansatz aussehen, um die biologische Vielfalt weltweit zu schützen?

Professor Niekisch: Es ist wichtig, dass wir alle, die Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft das Bewusstsein für die Bedeutung der biologischen Vielfalt schaffen und diese respektieren.Affe auf Palme

Wir brauchen nachhaltige Wirtschaftsformen und eine gerechte Verteilung von Böden und Wasser. Wir müssen auch Lebensmittelverluste vermeiden. Naturschutzgebiete sind wichtig und müssen eingerichtet und natürlich geschützt werden. Aber gerade auch außerhalb der Schutzgebiete müssen wir es schaffen, die Natur zu erhalten, das heißt sie nachhaltig zu nutzen. Wir können gar nicht anders, als endlich und weiter etwas wirklich Wirksames zu tun.

Ich finde es außerdem zum Beispiel problematisch, wenn Ökosysteme auf eine Ökosystemdienstleistung reduziert werden, wenn zum Beispiel der Wald im Interesse des Klimaschutzes einzig als CO2-Speicher gesehen wird. In Wäldern, die allein mit diesem Ziel bewirtschaftet werden, mit maximalem Management dafür, gäbe es dann beispielweise kaum Totholz. Es gibt aber viele Tiere und Pflanzen, die auf Totholz angewiesen sind. Ein Wald ist multifunktional, auch aus rein menschlicher Sicht. Wir müssen Biodiversitäts- und Klimaschutz und all seine vielfältigen Ökosystemdienstleistungen im Zusammenhang sehen und berücksichtigen.

einhorn: Ich habe gestern mit einer Wissenschaftlerin gesprochen, die zum globalen Kautschukanbau forscht. Sie bemängelte, dass die nationalen Statistiken oft unzureichend sind und in vielen Ländern die Umwandlung von tropischem Wald in eine Kautschukmonokultur nicht angegeben werden muss, weil beide Formen als „Wald“ gelten. Können Sie was zum globalen Kautschukanbau in Zusammenhang mit Biodiversität sagen?

Kautschukplantage Malaysia

Professor Niekisch: Das stimmt, internationale Statistiken zum Thema Wald sind oft irreführend. Die Definition von Wald ist ziemlich dehnbar. Da fallen dann möglicherweise auch Plantagen darunter, die ökologisch ziemlich wertlos oder gar schädlich sind. Es gibt zwar zunehmend die Forderung, dass Primärwald, also durch menschliche Nutzung nicht veränderter Naturwald, nicht in Palmöl- und Kautschukplantagen umgewandelt werden soll, aber das ist unzureichend.

Auch Sekundärwälder, also Wälder, die durch das Eingreifen des Menschen schon strukturell verändert sind, erfüllen wichtige Ökosystemdienstleistungen. Leider wird auch Kautschuk oft auf großen Flächen industriell angebaut, mit schweren ökologischen Folgen. Es gibt aber auch nachhaltige Arten Kautschuk anzubauen. So gibt es Ansätze, bei denen versucht wird, Kautschuk zu gewinnen, ohne dabei das Ökosystem Wald durcheinander zu bringen. Es ist nicht prinzipiell schlecht, Wälder zu nutzen, aber die derzeitigen Nutzungsweisen sind ganz überwiegend nicht nachhaltig.

einhorn: KWald_mit_Affeönnen Sie uns mehr zu diesen Ansätzen sagen?

Professor Niekisch: In Brasilien wird zum Beispiel teilweise Kautschuk in naturnahen Wäldern gezapft, aber nicht nur. Es werden dort auch Nüsse und andere Nahrungs- und Nutzpflanzen gesammelt. Das sind Sammelreservate, bei denen die ländliche Bevölkerung den Wald extensiv nutzt nach tradierten Modellen der indianischen Bevölkerung. Und was gepflanzt wird, wird oft erst nach Jahren genutzt, dazwischen gibt es Brachen, Phasen ohne Nutzung. Die Rotationszyklen sind dort lang. So ein System funktioniert aber dann nicht mehr, wenn schnell viel Geld gemacht werden soll, wenn zu viele Leute in zu kurzen Zyklen oder gar ununterbrochen den Wald intensiv nutzen oder wenn die Nutzung industriell erfolgt.

einhorn: Haben Sie noch andere Aspekte, die Sie unseren Lesern mitgeben möchten?

Professor Niekisch: Ja ich habe eine Botschaft:

Es lohnt sich, sich für die Erhaltung der Biodiversität zu engagieren!

Und noch viel wichtiger: JEDER kann etwas tun. Man kann zum Beispiel umweltbewusst einkaufen und ressourcenschonend handeln, auf Recycling achten oder für Naturschutzprojekte spenden. Es geht darum, dass die Wohlfahrt der Menschen weltweit weiter wächst, aber die Nutzungen von den Schadwirkungen auf die Umwelt entkoppelt werden. Jeder kann und muss hier seinen Beitrag leisten.

einhorn: Ich danke Ihnen recht herzlich für das Interview!

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